Wir hatten Gäste und sassen mit ihnen in der Küche am Tisch. Meine damals noch kleine Tochter fing plötzlich an zu schreien – wie aus dem Nichts. Ich hörte, wie mein Besuch bemerkte: „Oh … wenn du jetzt nicht aufpasst, dann …“ Ich verstand sofort, was damit gemeint war: Ich sollte ihrer Meinung nach durchgreifen. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein Gefühl. Ich glaube, ich wurde sogar rot. Ich schämte mich und fragte mich: Habe ich etwas falsch gemacht? Oder stimmt etwas mit meiner Tochter nicht?
Eine Sachfrage – Warum schreit mein Kleinkind gerade? – wurde ganz schnell zu einer viel grösseren Frage: Was habe ich falsch gemacht? Und daraus wurde: Was muss ich tun? Wie muss ich mein Kind erziehen, damit ich es im Griff habe? Aus einer Situation mit meinem Kind war plötzlich eine Frage über mich als Mami geworden. Aus meiner ganz normalen Unsicherheit in der Beziehung zu meinem Kind wurde plötzlich die viel schwerere Frage: Bin ich eine gute Mami?
Wie aus einer Sachfrage eine Existenzfrage wird
Wenn das Verhalten des Kindes plötzlich etwas über die Mutter aussagt
Es hat mich selbst einige Zeit gebraucht, bis ich diesen Mechanismus verstanden habe. Was ist eigentlich eine Sachfrage? Und was ist eine Existenzfrage? Eine Sachfrage ist ganz einfach: Meine Tochter schreit.
Sie schreit. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Die Frage ist: Was ist gerade los? Warum schreit sie?
- Vielleicht ist sie müde.
- Vielleicht ist sie überfordert.
- Vielleicht ist sie frustriert.
- Vielleicht braucht sie Nähe.
- Vielleicht ist gerade einfach alles zu viel.
Das sind Sachfragen. Sie richten sich auf das, was gerade geschieht.
Eine Existenzfrage ist etwas anderes. Sie ist eine Frage nach der eigenen Identität. Ich bin die Mami meines Kindes. Mein Kind hat mich zu seiner Mami gemacht. Einfach so. Ich bin es, ohne etwas dafür leisten zu müssen.
Mamisein ist von Anfang an da. Mami und Kind existieren von Anfang an miteinander und füreinander. Das steht nicht zur Diskussion. Es ist offensichtlich:
- Ich bin Mami.
- Mein Kind ist mein Kind.
Und genau an diesem Punkt kann plötzlich ein Zweifel hineinkommen. Nämlich dann, wenn das Verhalten des Kindes etwas über die Mutter aussagen soll. Eine Sachfrage wird zu einer Existenzfrage. Und plötzlich steht nicht mehr das Verhalten meines unreifen Kleinkindes im Raum, sondern mein Mamisein. Genau das geschah damals in unserer Küche. Der Kommentar meines Besuchs verschob die Frage: „Wenn du jetzt nicht aufpasst …“ Plötzlich stand eine andere Frage im Raum: Kannst du dein Kind im Griff halten?
Oder noch tiefer: Bist du überhaupt eine gute Mami?
Genau diesen Sprung möchte ich hier untersuchen. Denn wie kommt es eigentlich dazu, dass aus „Mein Kind macht etwas „unpassendes“ so schnell „Ich mache etwas falsch“ wird?

Warum Mamisein so verunsichern kann
Wenn aus „Was braucht mein Baby?“ die Frage „Bin ich die Mami, die mein Kind braucht? Bin ich gut genug?“ wird
Heute steht uns unglaublich viel Wissen über die Entwicklung von Babys und Kleinkindern zur Verfügung. Zum Beispiel beschreibt der beziehungsbasierte Entwicklungsansatz von Dr. Gordon Neufeld nicht nur das unreife Verhalten von Kleinkindern, sondern erklärt auch die entwicklungsbedingten Hintergründe, die wissenschaftlich fundiert sind. Dieses Wissen steht jederfrau/mann zur Verfügung.
Viele Mütter von heute sind zudem gut ausgebildet, manche sogar in pädagogischen, psychologischen oder gesundheitlichen Berufen. Und trotzdem wage ich zu sagen: Wissen schützt eine frischgebackene Mami nicht davor, in diesen schnellen Sprung von der Sachfrage zur Existenzfrage zu geraten. Mein Baby schläft schlecht. Das ist zunächst eine Sachfrage: Was ist los? Was braucht mein Baby? Was ist entwicklungsbedingt?
Und trotzdem kann daraus innerhalb kürzester Zeit eine Existenzfrage werden: Bin ich eine gute Mami? Was mache ich falsch? Vielleicht ist genau das sogar normal. Denn überlege einmal: Du hast ein Leben geführt, bevor du Mutter wurdest. Es gibt ein Leben vor dem Kind. Du warst schon da.
- Du bist Tochter.
- Vielleicht Schwester.
- Freundin.
- Partnerin.
- Berufstätige.
- Studentin.
Eine Frau mit Träumen, Gewohnheiten, Überzeugungen und einer eigenen Geschichte. Du hast bereits gelernt, wie Beziehungen funktionieren. Du hast erlebt, wie Erwachsene mit Kindern umgehen. Du hast selbst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf dich reagiert – oder eben nicht reagiert. Du hast Vorstellungen davon entwickelt, was richtig und was falsch ist, was man tut, wenn etwas schwierig wird und wie man mit Anforderungen umgeht.
Und dann wird dein Kind geboren. Nicht nur dein Kind ist neu. Auch die Beziehung zu deinem Kind ist neu. Du bist zum ersten Mal die Mami dieses Kindes.
Und genau hier beginnt etwas, das wir leicht übersehen: Nicht alles ist neu. Du fängst nicht bei Null an. Du bringst dein bisheriges Leben, dein Erwachsensein, mit in dieses neue Mamisein.
- Auch dein Wissen.
- Auch deine Vorstellungen.
- Auch deine Erfahrungen.
- Auch deine Erwartungen.
Wenn du glaubst, jemand anderes wisse besser, was dein Baby braucht
Und gleichzeitig liegt dieses kleine Wesen plötzlich in deinen Armen und ist ganz und gar auf dich angewiesen. Das ist auch ganz und gar neu. Du hast vielleicht Bücher gelesen, dich auf Social Media informiert, dich mit anderen Müttern ausgetauscht und dich so gut wie möglich vorbereitet. Vielleicht hast du eine pädagogische Ausbildung oder sogar ein Studium in Erziehungswissenschaften absolviert. Und trotzdem bedeutet all das nicht automatisch, dass du weisst, wie dieses eine Baby, dein Baby, funktioniert und was es in diesem Moment von dir braucht. Das kann ganz schön verunsichern. Und genau deshalb darfst du fragen.
Du darfst wissen wollen, was entwicklungsbedingt hinter dem Verhalten deines Babys steckt. Du darfst herausfinden wollen, was dein Baby braucht. Vielleicht weiss eine Fachperson mehr über die Entwicklung deines Babys als du. Vielleicht kann sie dir etwas erklären, das du zwar schon weisst, aber mit deinem eigenen Baby noch nicht erfahren hast. Aber jetzt kommt mein Aber: Daraus folgt nicht, dass sie besser weiss, wie du die Mami dieses Kindes sein sollst. Du darfst ihr Fachwissen annehmen. Du darfst dich beraten lassen. Du darfst sagen: „Das wusste ich nicht.“ Aber dein Nichtwissen und deine Unsicherheit machen dich nicht weniger zur Mami.
Du darfst die Antwort auf eine Sachfrage an eine Fachperson abgeben.
Aber niemals dein Mamisein und deinen Wert als Mami für dein Kind.
Denn dein Kind braucht nicht nur jemanden, der weiss, was entwicklungsbedingt mit ihm geschieht. Es braucht seine Mami.
- Diejenige, die Tag und Nacht da ist.
- Diejenige, die es tröstet.
- Diejenige, die eine Windel wechselt.
- Diejenige, die es badet.
- Diejenige, die zum Arzt geht.
- Diejenige, die stillt oder füttert.
- Diejenige, die seine Kleider wäscht.
- Diejenige, die merkt: Jetzt ist es meinem Baby einfach zu viel.
Vielleicht weisst du nicht sofort, warum dein Baby weint. Aber du darfst da sein, während du es herausfindest.

Was passiert, wenn die Mami selbst auf dem Prüfstand steht?
Warum ein Kleinkind sich entwickeln darf, ohne dass seine Mutter dafür beurteilt wird
Und genau hier möchte ich noch einmal zu meiner Ausgangsfrage zurückkehren: Wie wird aus „Mein Baby braucht etwas von mir“ so schnell „Ich mache etwas falsch“? Vielleicht passiert dieser Sprung genau dort, wo wir unser eigenes Nichtwissen und unsere Unsicherheit mit unserer erwachsenen Mamiidentität verwechseln und beginnen, für alles Verantwortung zu übernehmen. Dabei bin ich bereits Mami. Ich muss es nicht erst durch mein Wissen, mein Können oder mein Handeln werden.
Aus „Ich weiss es noch nicht. Ich bin im Hineinwachsen in die Beziehung zu meinem Baby.“ wird ganz schnell „Ich kann es nicht. Jemand anderes weiss es besser. Ich bin nicht gut genug. Vielleicht bin ich nicht die Mami, die mein Kind braucht.“
Und plötzlich steht nicht mehr die Sachfrage im Mittelpunkt.
Plötzlich stehen die Mami und ihr Wert für ihr Kind selbst auf dem Prüfstand.
Genau diese Verschiebung können wir auch in vielen anderen Situationen beobachten:
- Das Kind schreit → Ich bekomme mein Kind nicht ruhig.
- Das Kind trotzt → Ich habe es nicht im Griff.
- Das Kind will nicht grüssen → Ich habe ihm das nicht beigebracht.
- Das Kind schläft schlecht → Ich mache etwas falsch.
- Das Kind schlägt → Meine Erziehung funktioniert nicht.

Wir leben in einer Kultur, in der kindliches Verhalten sehr schnell als Ergebnis mütterlicher Erziehung gelesen wird. Und die Mami kann diese Bewertung übernehmen. Dann wird aus: „Mein Kind ist gerade unreif.“ schnell: „Ich muss etwas ändern.“ Und vielleicht noch weiter: „Ich muss mein Kind dazu bringen, sich anders zu verhalten.“
Hier kann auch unsere eigene Eltern-Kind-Geschichte wieder ins Spiel kommen. Wie haben wir selbst Erziehung erlebt? Wie war die Beziehung zu unseren eigenen Eltern? Was wurde von uns erwartet? Mussten wir funktionieren? Wurde unser Verhalten als Spiegel unserer Eltern gesehen? Was haben wir selbst darüber gelernt, was eine „gute“ Mutter oder ein „gutes“ Kind ausmacht? All das können wir mit in unser eigenes Mamisein bringen. Und dann können wir sehr schnell wieder bei der Existenzfrage landen: „Bin ich gut genug?“ Und plötzlich gibt es immer mehr zu tun: üben, korrigieren, erinnern, eingreifen, nachsteuern. Wir sind wieder im Machen und Funktionieren. Dabei wäre es so wichtig, immer wieder innezuhalten und zu unterscheiden: Was ist hier eigentlich die Sachfrage? Worum geht es jetzt wirklich?
Ein Kleinkind darf unreif sein. Es darf schreien, wütend werden, Nein sagen, sich verweigern und Dinge noch nicht können. Das ist zunächst eine Frage seiner Entwicklung.
Und die Aufgabe der Mami ist nicht, durch das Verhalten ihres Kindes zu beweisen, dass sie eine gute Mami ist.
Ihre Aufgabe ist es, immer wieder ihren Platz einzunehmen und dieses Kind durch seine Entwicklung zu begleiten.
Was bleibt, wenn die Sachfragen kommen und gehen?
Ich bin und werde immer die Mami meines Kindes sein. Unabhängig von den vielen verschiedenen Sachfragen, die uns durch die ganzen Erziehungsjahre bis zur Volljährigkeit unseres Kindes begleiten. Denn nach der Babyzeit kommt die Kleinkindzeit. Dann die Kinderzeit, die Teenagerzeit, die Pubertätsjahre. Entwicklungsfragen kommen und gehen – je nachdem, wo dein Kind gerade in seiner Entwicklung steht.
Doch was bleibt? Was ist immer gleich? Was ist die ewige Konstante in der Eltern-Kind-Beziehung? Du bist die Mami deines Kindes. Und dein Kind ist dein Kind. Das bleibt. In eure Beziehung darfst du immer wieder hineinwachsen. Du darfst lernen, dich informieren, Fragen stellen und Antworten suchen. Du musst nicht immer wissen, was zu tun ist.
Doch ich möchte dich ermutigen: Lass dich nicht – und von niemandem – von deinem Mami-Platz verdrängen. Dein Kind ist darauf angewiesen, dass du ihm diese Sicherheit gibst: „Komme, was wolle: Ich bin deine Mami. Ich bin für dich da.“ Und sollte ich einmal keine Antwort auf eine Frage haben, dann suche ich nach Antworten. Ich mache mich auf die Suche, um Unsicherheiten zu klären und Probleme zu verstehen. Ich übernehme die Verantwortung. Weil ich deine Mami bin.

Fazit
Sachfragen kommen und gehen. Mit jeder Entwicklungsphase deines Kindes kommen neue dazu. Doch etwas bleibt:
Du bist die Mami deines Kindes.
Und dein Kind ist dein Kind.
Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht alles können. Du darfst fragen, lernen, dich beraten lassen und immer wieder neu in die Beziehung zu deinem Kind hineinwachsen. Aber lass dich von keiner Sachfrage aus deinem Mami-Platz verdrängen. Auch am Küchentisch, auch beim Besuch, auch im Supermarkt, auch auf dem Spielplatz: Die Sachfrage darf gestellt werden. Deine Existenzfrage als Mami für dein Kind ist längst beantwortet.
Welche Sachfrage beschäftigt dich gerade? Schau sie dir an – als das, was sie ist. Du darfst in eure Beziehung hineinwachsen und dich weiterbilden. Dein Mamisein steht daneben, unangetastet.
Vielleicht interessiert dich auch
Der Mythos Mutterinstinkt: Abschied von der perfekten Mutter, die immer weiss, wie Mamisein funktioniert





