„Ich bin nicht kreativ.“ „Paperlapap“, sagt meine Ausbildnerin.
„Jeder ist kreativ.“ Dann wendet sie sich wieder der Gruppe zu.
Ich bin nicht kreativ
An einem Samstagmorgen im Jahr 2012 stehe ich mit weiteren Auszubildenden zur Spielgruppenleiterin in einem grossen Raum des evangelischen Kirchgemeindehauses, CH – St.Gallen im Untergeschoss. Durch eine breite Fensterfront fluten morgendliche Sonnenstrahlen herein und lassen den Raum hell und warm erscheinen. Wir Frauen stehen um einen Haufen unterschiedlichster Materialien. Ich schaue auf das Material und spüre ein Unbehagen. Eine Ahnung davon, was da auf mich zukommt.
„Also, liebe Frauen“, beginnt die Leiterin, „eure Aufgabe besteht heute darin, aus dem vor euch liegenden Material ein Nünteli zu erschaffen.“ Ich blicke in die Gesichter der anderen Teilnehmerinnen. Überall sehe ich Fragezeichen. Fast gleichzeitig fragen wir:
„Was ist ein Nünteli?“
„Ein Nünteli ist ein Nichts“, antwortet sie. „Macht ein Nichts aus dem Material. Nutzt eure Kreativität. Lasst etwas entstehen. Vertraut dem Prozess.“

👉 Was löst es in dir aus, wenn du etwas „ohne Vorlage oder Vorgabe “ erschaffen, kreieren sollst?
„Ich bin nicht kreativ – das kann ich nicht“
Ich gehe auf die Leiterin zu und versuche unbeholfen auszudrücken, wie ich mich fühle. In mir tobt der Gedanke: Ich bin nicht kreativ. Wie soll das gehen? Gib mir mehr Vorgaben, etwas dein Vorstellungsvermögen inspiriert „Paperlapap“, sagt sie wieder. „Jeder ist kreativ. Auch du. Und nun an die Arbeit.“
In Gedanken sehe ich mich aus dem Raum flüchten. Mich entschuldigen. Verschwinden. Ein Nünteli aus meiner Kreativität? Aus meinen eigenen Ideen? Nein. Das ist zu gefährlich. Zu bedrohlich.
Was, wenn nachher alle lachen?
Diese Erfahrung kenne ich aus einer anderen Zeit. Es gab eine Zeit, da war ich kreativ. Doch dann ist vieles geschehen. Und meine eigene Kreativität habe ich vor vielen Jahren tief in meinem Herzen in einer Schachtel verstaut. Ganz hinten. Dort, wo sie nicht so schnell wieder zum Vorschein kommt. Und jetzt wagt es jemand, nicht nur mir, sondern uns allen zu sagen: Es ist Zeit, diese alte Kreativität hervorzuholen. Ihr Raum zu geben. Und ein Nichts zu gestalten.

👉 Wo hast du deine Kreativität vielleicht „verpackt“, um dich zu schützen?
Das erste „Nünteli“
Mutig beginne ich, das Material und die entstehenden Werke der anderen Frauen zu betrachten. Was da entsteht, sind lauter „Nünteli“. Ein Irgendwas. Nichts Greifbares. Und doch etwas Eigenes. Also beginne auch ich: schneiden, kleben, kombinieren. Ich lasse mich auf den Prozess des Werdens ein. Wir haben längst die Zeit vergessen, als die Leiterin sagt: „Die Zeit ist zu Ende.“ Ich blicke auf und spüre wieder dieses Unbehagen.
Kommt jetzt die Beurteilung? „Nicht gut genug!“ Wie ein Schlag auf den Kopf? So wie damals, als ein Lehrer meine Hingabe und meine Kreativität tief verletzt und blossgestellt hat?
Doch nichts geschieht. Das Thema dieses Ausbildungsmorgens lautet: „Kreativität als Zukunftswert.“ Mein Herz ist auf eine neue Weise offen. Offen für Leben. Offen für Spiel. Am Abend gehe ich fröhlich und zufrieden nach Hause – zu meiner Familie, zu meiner damals dreijährigen Tochter und zu meinem Mann. Ein neues Kapitel in meinem Lebensbuch hat sich geöffnet. Eines, das ich für immer verloren geglaubt hatte.

👉 Wann hast du zuletzt erlebt, dass deine Kreativität nicht bewertet wurde?
Ein Jahr später: Kreativität weitergeben
Ein Jahr später arbeite ich als Co-Leiterin in einer Spielgruppe. Gemeinsam leiten wir eine Gruppe dreijähriger Kinder. Ich stehe mit meiner Kollegin im Keller – gefüllt mit Material bis unter die Decke. Sie schaut sich um, greift nach ein paar scheinbar bedeutungslosen Dingen und sagt: „Was die Kinder daraus machen sollen? Nichts Konkretes.“ Ich erinnere mich an den Satz meiner Ausbildnerin: „Stellt ein Nünteli her.“
Ich staune über die Kreativität meiner Kollegin. Damals hatte ich Pinterest entdeckt. Wenn „Basteln“ mit den Kindern meine Aufgabe war, begann ich mich dort zu informieren. Kreativität bedeutete für mich lange: etwas Konkretes vorbereiten, ein klares Resultat ermöglichen. Ein klaren Aktionsplan und Ablauf.
Doch die eigene Kreativität aus dem Nichts entstehen zu lassen – das brauchte Vertrauen, Zeit und Glaube an den der das ruft, was nicht ist, dass es sei.-Römer 4,17- Denn freie Kreativität braucht Heilung. Wurde der kreative Prozess einmal – oder immer wieder – beurteilt, braucht es oft lange, bis wieder Vertrauen entsteht. Vertrauen in das, was aus den eigenen Händen und aus dem eigenen Herzen entstehen will und sichtbar werden möchte.
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Spielen heilt Kreativität
Meine Heilungsreise mit der Kreativität begann dort, wo sie am tiefsten verletzt wurde – in derselben Energie: der Spielenergie. Im Spiel durfte ich neu beginnen. Denn im Spiel darf sich das Herz mit seiner ganzen verspielten Lebendigkeit öffnen. Es ist ja „nur Spiel“. Nichts Ernstes. Nichts Bedrohliches. Spielen ist wie ein Nünteli. Wie ein Nichts – und gerade deshalb voller Leben so lebendig, begeisterungsfähig und verbindend.
Kreatives spielen in der Spielgruppe 🥰
Weihnachten – eine Erlaubnis zum Spielen
In der Vorweihnachtszeit musste ich an einen Newsletter von Dr. Stefan Kappner denken. Sein Text hat mich für diesen Blog inspiriert und an meine eigene schmerzliche Reise mit meiner Kreativität erinnert. Auf unserem kindlichen Lebensweg geht die Kreativität so leicht verloren und damit verschwindet unsere Lebendigkeit, Spontanität, Lebensfreude, – und an Weihnachten ist für uns kleine und grosse Menschen wieder möglich was wir sonst unter Verschluss halten. Weihnachten ist eine Zeit, in der wir uns oft wieder kindlich verspielt zeigen dürfen. Ohne Angst, beurteilt zu werden. Ohne etwas leisten oder optimieren zu müssen.
Viele Eltern nehmen sich in dieser Zeit Raum: zum Dekorieren, Gestalten, Backen, Schreiben, Basteln, Erzählen. Gerade nicht, weil es perfekt sein muss – sondern weil es Freude macht. Weil etwas in uns lebendig wird.
Dr. Kappner schreibt davon, dass Kreativität nicht nur Kunst ist, sondern ein Ausdruck des Menschseins. Etwas zu gestalten, sich auszudrücken, sich einmal nicht nach Regeln, sondern nach dem eigenen Geschmack zu richten – um sich der eigenen Weltsicht zu versichern und ein wenig mehr in der Welt anzukommen.
Das hat mich tief berührt. Denn vielleicht erinnert uns Weihnachten genau daran: Dass wir sinnliche Wesen sind. Dass wir miteinander fühlen, riechen, schmecken, hören, sehen wollen. Dass wir nicht nur funktionieren, leisten oder uns selbst optimieren sollen.
An Weihnachten geht es nicht um Optimierung. Es geht um Lebendigkeit. Um Spiel. Um Beziehung. Um Menschsein mit allen Sinnen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sich Kreativität in dieser Zeit für viele wieder sicher anfühlt: Weil Spielen mit allen Sinnen erlaubt ist. Weil nichts bewertet werden muss. Jede und jeder darf sich hier ein Stück eigenen Raum zurückholen – ohne schlechtes Gewissen.
Weil es ein „Nünteli“ sein darf. Ein Nichts, das einfach entstehen darf und uns alle auf eine kindliche, verspielte Weise miteinander und mit dem menschgewordenen Jesuskind in der Krippe verbindet.
🎄🎄🎄Frohe Weihnachten und ein erfülltes gelingendes Neues Jahr🎄🎄🎄
Deine Karin



