Während ich mich mit dem Thema Mamisein auseinandersetze, habe ich mich mit verschiedenen Mythen rund um dieses Thema beschäftigt. Ein Mythos blieb mir dabei besonders hängen. Ich fing an, mich tiefer damit zu beschäftigen – und wow, das ist ganz schön spannend!
Es geht um den berühmten „Mutterinstinkt“. Dieses bestimmte Gefühl, dass Mütter „natürlich“ automatisch wissen, was ihre Kinder brauchen. Kennst du dieses diffuse Gefühl auch? Dieses ungeschriebene Gesetz in unserer Gesellschaft, dass Frauen automatisch wissen, wie Kinder zu pflegen und zu erziehen sind – einfach nur, weil sie Frauen sind? Und genau hier liegt die riesige Diskrepanz zwischen diesem Denken und unserer tatsächlichen Erfahrung: Denn wir alle wissen doch, dass das überhaupt nicht stimmt. Keine Frau weiss am ersten Tag nach der Geburt automatisch, was zu tun ist nur weil sie jetzt Mutter ist.
In diesem Blog möchte ich dem Mythos auf die Spur kommen und dich mitnehmen auf eine interessante Reise. Am Ende, das kann ich dir schon jetzt versprechen, wirst du überrascht sein, dass dieser angebliche Instinkt in Wahrheit eine Erfindung ist, um uns zu kontrollieren – und dass die echte Biologie viel befeiender ist, als wir denken.
Die grosse Lüge vom biologischen Autopiloten
Wie der Mythos vom Mutterinstinkt entstand
Der Begriff Mutterinstinkt, so wie wir ihn heute verstehen – als angeborene Fähigkeit einer Mutter, jederzeit automatisch zu wissen, was ihr Baby braucht –, ist weitgehend ein kulturelles und historisches Idealbild.
Bereits im 18. Jahrhundert idealisierten Denker wie Jean-Jacques Rousseau die Mutter als natürliche Erzieherin ihres Kindes. Im 19. Jahrhundert wurde dieses Bild durch die Industrialisierung weiter verstärkt. Während Männer zunehmend ausser Haus arbeiteten, wurden Frauen für die Fürsorge in der Familie verantwortlich gemacht.
Später versuchten Teile der Wissenschaft, dieses Rollenbild biologisch zu erklären. Die Vorstellung entstand, dass Frauen das Wissen über Kinderpflege und Erziehung von Natur aus in sich tragen würden.

Mutterinstinkt
Wenn Unsicherheit zur Scham wird
Dieses Idealbild prägte Generationen von Müttern. Es trug dazu bei, traditionelle Rollenbilder zu festigen und führte bis heute dazu, dass viele Frauen ihre Überforderung als persönliches Versagen erleben. Was mache ich falsch?“ Oder sie trauen sich gar nicht erst, um Hilfe zu bitten – weil sie glauben, eine gute Mutter müsste es von Natur aus alleine schaffen.
In meinen Eltern-Kind-Gruppen habe ich immer wieder erlebt, wie eng Unsicherheit und Scham miteinander verbunden sind. Viele Mütter trauten sich kaum, ihre Fragen auszusprechen. Nicht, weil sie keine Fragen hatten – sondern weil sie glaubten, sie müssten die Antworten eigentlich längst kennen. Auffallend war für mich, dass viele dieser Frauen gut ausgebildet waren: aus Pädagogischen- und Gesundheitsberufen. Vielleicht war der innere Druck gerade deshalb besonders gross. Wer beruflich Verantwortung trägt oder andere begleitet, hat oft das Gefühl, nun auch als Mutter alles wissen zu müssen.
Wir haben darüber kaum gesprochen. Eigentlich schade. Denn ich hatte oft den Eindruck, dass hinter der Zurückhaltung nicht fehlendes Interesse lag, sondern die Scham, etwas nicht zu wissen, das man doch eigentlich wissen sollte. Dabei braucht Mamisein genau das Gegenteil: einen geschützten Raum, in dem Fragen willkommen sind, Unsicherheit ausgesprochen werden darf und das Herz Zeit hat, in die Beziehung zum eigenen Kind hineinzuwachsen.
Gut ausgebildet zu sein bedeutet nicht, automatisch zu wissen, wie Mamisein geht. Beziehung lässt sich nicht aus Büchern lernen. Sie wächst dort, wo wir uns berühren lassen – von unserem Kind und von uns selbst.
Vielleicht brauchen wir deshalb mehr Barmherzigkeit. Weniger Erwartungen. Weniger vorschnelle Ratschläge. Und mehr Vertrauen, dass Mütter in ihre Fürsorge hineinwachsen dürfen.

Vielleicht ist das eine der grössten Folgen des Mythos vom Mutterinstinkt: Nicht die Unsicherheit ist das Problem. Sondern die Vorstellung, Unsicherheit dürfte gar nicht existieren. Wer Unsicherheit zeigt, erhält oft ungefragt Ratschläge, wird hinterfragt oder hat das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
Das zeigt sich auch im Alltag. Weint ein Kind im Supermarkt oder auf dem Spielplatz, richtet sich der Blick oft zuerst auf die Mutter. Nicht selten wird – offen oder unausgesprochen – ihre Kompetenz infrage gestellt. Als müsste eine «gute» Mutter dank ihres angeblichen Mutterinstinkts jederzeit wissen, was ihr Kind braucht und das Weinen sofort beenden können. Dabei ist ein weinendes Kind kein Beweis für fehlende Fürsorge. Es ist Teil des Menschseins. Die eigentliche Frage lautet nicht: «Warum bringt sie ihr Kind nicht sofort zum Schweigen?», sondern: «Bleibt sie ihrem Kind auch in diesem Moment zugewandt?»
So wird Mutterschaft leicht zu einem ständigen Management-Projekt. Wir versuchen, jedes Problem sofort zu lösen und jede Unsicherheit zu kontrollieren.
Dabei gerät das Wesentliche in den Hintergrund: die Beziehung zu unserem Kind.
Was Gordon Neufeld uns stattdessen lehrt: Der Fürsorge-Instinkt
Der kanadische Entwicklungspsychologe Dr. Gordon Neufeld verwendet bewusst einen anderen Begriff. Er spricht nicht vom Mutterinstinkt, sondern vom Fürsorge-Instinkt (Caring Instinct).
Dieser Instinkt gehört nicht ausschliesslich Frauen. Er ist tief im menschlichen Gehirn angelegt und wird aktiviert, sobald wir Verantwortung für ein verletzliches und von uns abhängiges Wesen übernehmen.
Wir können diesen Fürsorge-Instinkt sogar schon bei kleinen Kindern beobachten. Viele möchten ein jüngeres Geschwisterchen trösten, ihm die Decke zurechtrücken oder ihm etwas bringen, wenn es weint. Der Impuls, sich um einen anderen Menschen zu kümmern, ist bereits da.
Doch genauso wie ein Kind in seiner Fürsorge wachsen darf, dürfen auch Mütter und Väter in ihre Fürsorge hineinwachsen. Der Fürsorge-Instinkt ist kein fertiges Programm, das mit der Geburt plötzlich vollständig verfügbar ist. Er entwickelt sich mit der Beziehung, mit den Erfahrungen und mit der Verantwortung, die wir Tag für Tag übernehmen. Fürsorge ist deshalb keine angeborene Perfektion, sondern eine Fähigkeit, die wachsen darf.
Fürsorge ist keine exklusive weibliche Fähigkeit. Sie ist eine menschliche Fähigkeit.
Warum dein Kopf den Instinkt blockiert
Mit der Geburt eines Kindes beginnt nicht nur eine neue Beziehung. Für viele Mütter beginnt auch eine Zeit von Schlafmangel, körperlicher Erschöpfung, hormonellen Veränderungen und grosser Unsicherheit. Gerade dann taucht oft eine schmerzhafte Frage auf: „Wenn dieser Fürsorge-Instinkt in mir angelegt ist – warum spüre ich ihn gerade jetzt so wenig?“
Dr. Gordon Neufeld erklärt dies neurobiologisch: Unsere Instinkte werden durch Gefühle geleitet. Gefühle öffnen den Zugang zu unserer Intuition und helfen uns, auf die Bedürfnisse eines Kindes einzugehen. Werden diese Gefühle jedoch durch chronischen Stress, Schlafmangel, Überforderung oder Versagensängste überlagert, verlieren wir oft den Zugang zu ihnen. Das bedeutet nicht, dass dein Fürsorge-Instinkt verschwunden ist.
Er liegt lediglich unter einer Schicht aus Erschöpfung, Druck und Erwartungen verborgen. Nicht deine Liebe fehlt. Nicht deine Fähigkeit. Sondern die innere Ruhe, wieder auf deinen Fürsorge-Instinkt zugreifen zu können.
Die gute Nachricht ist: Sobald eine Mutter Entlastung erfährt, sich sicher fühlt und ihre Gefühle wieder Raum bekommen, kann auch ihr Fürsorge-Instinkt wieder deutlicher spürbar werden. Er muss nicht neu geschaffen werden – er darf wieder zum Vorschein kommen.
Der Alpha-Modus: Du bist die Antwort
Fürsorglich zu sein bedeutet etwas völlig anderes, als in jeder Situation zu wissen, was zu tun ist. Der Fürsorge-Instinkt verlangt nicht, dass du das Weinen deines Babys sofort abstellst oder jede Ursache kennst.
Er lädt dich ein, das zu werden, was Neufeld den fürsorglichen Alpha nennt: der sichere Hafen.
- Du darfst ratlos sein.
- Du darfst nicht wissen, warum dein Baby weint.
Und trotzdem kannst du genau das geben, was dein Kind am meisten braucht. Vielleicht hältst du dein Baby einfach im Arm und sagst: „Ich weiss gerade auch nicht, was dir fehlt, mein Schatz. Aber ich bleibe bei dir, bis wir es gemeinsam herausfinden.“ Genau in diesem Moment bist du zutiefst fürsorglich.
Du managst kein Problem.
Du begleitest einen kleinen Menschen.
Und wo bleibt der Vater? Das verkannte Eltern-Gehirn
Wenn wir den Mutterinstinkt als ausschliesslich weibliche Superkraft darstellen, hat das eine unbeabsichtigte Folge: Väter geraten leicht in die Rolle des Helfers statt des gleichwertigen Elternteils. Sätze wie „Die Mama kann das eben von Natur aus besser“ haben über Generationen dazu beigetragen, dass viele Väter sich aus der emotionalen Fürsorge zurücknahmen oder ihnen diese gar nicht zugetraut wurde.
Die moderne Hirnforschung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Sie zeigt, dass es kein exklusives Muttergehirn, sondern ein anpassungsfähiges Eltern-Gehirn gibt.
Wenn Väter viel Zeit mit ihrem Baby verbringen und Verantwortung übernehmen, verändern sich auch ihre Gehirnstrukturen. Sie entwickeln dieselbe erhöhte Sensibilität für die Bedürfnisse ihres Kindes. Entscheidend sind Beziehung, Nähe und Verantwortung – nicht allein Schwangerschaft oder Geburt.
Bindung wächst durch gelebte Fürsorge.
Nicht durch das Geschlecht.
Altes Wissen: Was die Bibel über unperfekte Mütter zeigt
Interessanterweise führt auch die Bibel zu einer überraschend ähnlichen Erkenntnis wie die moderne Entwicklungspsychologie. Sie kennt den Begriff des Mutterinstinkts nicht. Stattdessen erzählt sie von Müttern, die zutiefst menschlich sind. Die Bibel zeichnet kein Bild von Frauen, die jede Situation im Griff haben oder immer wissen, was zu tun ist. Sie zeigt Mütter, die lieben, zweifeln, hoffen, weinen und Schritt für Schritt in ihre Mami Aufgabe hineinwachsen.
Da ist Hagar, die mit ihrem Sohn in der Wüste sitzt, erschöpft und voller Verzweiflung, weil sie keinen Ausweg mehr sieht. Und da ist Maria, die Mutter Jesu. Auch sie versteht ihren Sohn nicht immer. Als der zwölfjährige Jesus im Tempel zurückbleibt, sucht sie ihn voller Angst. Später heisst es immer wieder, dass sie das Erlebte in ihrem Herzen bewegt und darüber nachdenkt. Sie hat nicht auf jede Frage eine Antwort – und muss sie auch nicht haben.
Die Bibel beschreibt Mutterschaft nicht als fehlerfreie Management-Aufgabe, sondern als Beziehung. Eine Beziehung, in der Vertrauen wachsen darf, in der Unsicherheit ihren Platz hat und in der Liebe wichtiger ist als Kontrolle.
Vielleicht liegt gerade darin ihre zeitlose Weisheit: Nicht die Mutter, die alles weiss, gibt ihrem Kind Sicherheit. Sondern die Mutter, deren Herz sich ihrem Kind immer wieder neu zuwendet und sich der Verletzlichkeit ihres Kindes und ihrer Selbst nicht entzieht. Die in Bindung in Beziehung bleibt, gerade dann wenn alles in ihr nach Kontrolle schreit.

Fazit: Kündige den Management-Vertrag
Vielleicht ist genau das die beste Nachricht. Es gibt keinen magischen biologischen Autopiloten, der perfekte Mütter hervorbringt. Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht jede Träne sofort verstehen. Du musst nicht jede Situation perfekt lösen. Du darfst ins Mamisein hineinwachsen. Du darfst lernen. Du darfst Fehler machen. Indem wir den Mythos vom Mutterinstinkt loslassen, befreien wir uns von unnötigen Schuldgefühlen. Gleichzeitig schaffen wir Raum für echte Elternschaft – eine Elternschaft, in der Mutter und Vater gemeinsam Verantwortung tragen und beide in ihre Fürsorge hineinwachsen dürfen.
Dein Kind braucht keine fehlerfreie Managerin. Es braucht keinen Menschen, der immer die richtige Antwort kennt. Es braucht dich. Einen echten, fühlenden Menschen, der bereit ist unter allen Umständen in Beziehung zu bleiben. Denn genau dort beginnt echte Fürsorge. Und genau dort wächst Mamisein.

Mamisein wächst in Beziehung zu deinem Kind
Wenn dich dieser Beitrag angesprochen hat und du dir wünschst, gemeinsam mit deinem Baby ins Mamisein hineinzuwachsen, dann kann mein bindungsorientierter Babymassagekurs ein guter nächster Schritt sein.
Dort geht es nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, dein Baby kennenzulernen, Vertrauen in den eigenen Fürsorge-Instinkt zu entwickeln und einen Ort zu haben, an dem Fragen, Unsicherheit und gemeinsames Wachsen willkommen sind.
Auch Papis sind herzlich willkommen. Denn Fürsorge ist keine weibliche Superkraft – sie wächst überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und ihrem Kind liebevoll begegnen.
→ Hier erfährst du mehr über meinen Babymassagekurs.





1 Kommentar